% for Art: Regulating Civic Space in Zurich
Coumba Samba: The National Expo
24. September – 28. November 2025
gta Ausstellungen, ETH Zürich, Hönggerberg
Eröffnung: 23. September, 18 Uhr
Die Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft sind erosive Bedrohungen. Die gescheiterten Prophezeiungen des Kapitalismus über den Fortschritt, die zugleich zerstörerisch, transformativ und alles andere als metaphorisch sind, dringen in den Alltag ein. Der Staat übernimmt ihre Aufgabe, die Entscheidung, ein Umverteilungsmechanismus zu sein, schwebt über seinem unerbittlichen Engagement, Kontrolle zu suchen und herbeizuführen. Er findet / kämpft sich seinen Weg in die Sprache, die Arbeit, das Verlangen und die ideologischen Apparate, die er aufrechterhält.
„oh lord isn’t that a further principle? polyurethane resin and I’m on my way to fight the law for what they did to leisure”[i]
Betrachten wir auf einer relationalen Ebene die gebaute Umwelt als einen dieser Apparate und gewissermassen als eine Art Theater. Damit verbunden sind menschlich geschaffene Bedingungen, oft architektonischer Natur, die einen Rahmen für menschliche Aktivitäten bieten und dabei Entscheidungen und Bedürfnisse entweder formen, erfüllen oder aufschieben, basierend auf einer Reihe von Signalen. Wo fällt die Rolle der öffentlichen Kunst im Bereich des öffentlichen Raums? Als Stimulator von Kultur, Zugang, öffentlichem Diskurs und Zusammenkunft oder als Entwicklungs-, Wirtschafts- und Polizeistrategie, die auf ihre Kosten verschleiert und durch Stadtplanung und Design vorangetrieben wird? Die Ausstellung % for Art: Regulating Civic Space in Zurich signalisiert diese Instabilitäten in einem Duett: eine Paarung zwischen der Präsentation von Dokumenten aus historischen Archiven über öffentliche Kunstwerke im gebauten Umfeld von Zürich, die in einer Installation der Künstlerin Coumba Samba mit dem Titel The National Expo gezeigt werden.
Wir befinden uns in einem Raum innerhalb eines Raumes, in dem Samba unsere alltäglichen Interaktionen mit öffentlichen Objekten hinterfragt und dabei die oft unvereinbaren Beziehungen zwischen Form, öffentlichem Raum und Überwachung betrachtet. Der Titel % for Art geht von der Gesetzgebung aus, eine bestimmte Quote künstlerischer Projekte im öffentlichen Raum in Auftrag zu geben und zu unterstützen. Unter der Leitung von Programmdirektor André Bideau haben Studierende der ETH Zürich zehn vergleichende Fallstudien auf der Grundlage der umfangreichen Bestände des gta Archivs durchgeführt. Die Fallstudien beleuchten Fragen, die durch Kunst-am-Bau-Arbeiten in Zürich aufgeworfen werden, sowie Wendepunkte im Urbanisierungsprozess innerhalb des miteinander verflochtenen Gefüges aus Stadtentwicklung, Bauprojekten, wichtigen politischen Momenten und künstlerischen Konzepten, vom Historismus über den Modernismus bis hin zur jüngeren Gegenwart.
Sambas interdisziplinäre Praxis widmet sich Objekten, die als Zeichen für Geschichte und nationale Identität stehen. Diese Bedeutungen werden durch biografische und nostalgische Bindungen an das Material noch komplexer, und obwohl sie verborgene Kräfte enthalten, behalten sie ihre ästhetische Integrität, die sich hinter dem Offensichtlichen verbirgt: Heizkörper, Jalousien, Schmutz, Verkehrszeichen, Papier, Aquarien, Aktenschränke. In The Politics of Collecting: Race and the Aestheticization of Property schreibt die Dichterin und Schriftstellerin Eunsong Kim: „Ästhetische Debatten über Form, wie sie beispielsweise im Zusammenhang mit Fundstücken, Aneignung und Konzeptkunst sowie neuer und experimenteller Poesie geführt werden, sind Fragen des Eigentums.“[ii] Ein weiteres bedeutendes Paar innerhalb der Ausstellung – Farbton und Oberfläche – ergibt sich aus Sambas sorgfältiger Farbauswahl. Für Samba könnte Farbe ebenfalls eine Frage des Eigentums sein. Die Aktenschränke in dem Raum, in dem die Archivdokumente ausgestellt sind, sind mit Pantone-Pastelltönen farblich gekennzeichnet, die aus der Stadt Zürich stammen. Die über die Galerie verstreuten Poller sind in Autolacken gestrichen, die den Farben der Fahrzeuge der „vehicle ramming attacks“ während der George-Floyd-Proteste 2020 in den USA entnommen sind. Sambas Farbcodes sind Massstäbe für Dramatik: Der eine bezieht sich auf die Revolten und Aufstände, ausgelöst durch die Tötung Schwarzer Menschen durch die Polizei, der andere die wiederkehrenden Texturen der städtischen Umgebung. Keines von beiden ist ein Einzelfall.
Sambas experimentelle Ausstellungsarchitektur hebt das Archiv über seine institutionell festgelegten Bedeutungen hinaus und stützt sich dabei nicht auf Text oder Diskurs, um seine Bedeutung vor dem Hintergrund einer Fülle von Materialien zu verdeutlichen, sondern auf Skulpturen. Eine Reihe monochromer pastellfarbener Aktenschränke, die Fallstudien enthalten und im Abstand von 1,2 Metern voneinander aufgestellt sind, um mit Rollstühlen zugänglich zu sein, stehen zwischen verschiedenen Formen ästhetisch solider, verstreuter Poller, Barrikaden, Würfel und Kugeln. Imposante Formen, die historisch dazu dienen, den Verkehr zu lenken, als Anti-Ramm-Strukturen für Autos, zur Kontrolle des Verkehrs von Fussgänger:innen und in grösserem Umfang als Initiativen zur Terrorismusbekämpfung für die „öffentliche Sicherheit”. Innerhalb des Ausstellungsraumes wird der Wert der Skulptur durch ihre Positionierung oder räumliche Ausrichtung untergraben oder erhöht, und hier besteht eine Durchlässigkeit zwischen dem Innenraum und den Aussenkanten des Ausstellungsraumes selbst – mehr als die Hälfte der Wände der Galerie bestehen aus Glas, durch das man die Installation sehen kann, wenn man sich ihr nähert. Die Arbeit steht in einem Zusammenhang mit dem, was bereits vorhanden ist, einer sich ständig verändernden Umgebung, die das Erlebnis der Arbeit neu konfiguriert: natürliches Licht, Reflexionen oder Bäume. Es gibt einen prozessualen Aspekt – man denke an Roni Horns Things That Happen Again, Pair Object VII (For a Here and a There), 1986–88 in multiplizierter Form –, dessen Variation in der Identität auf der Art und Weise basiert, wie es installiert ist und wie wir uns darin bewegen. Die Ausstellung reflektiert darüber, wie wir uns auf zweierlei Weise bewegen: indem wir die Gewissheit in den Choreografien von Freizeit, „Verbrechen“, Rebellion, Macht und Privatsphäre innerhalb des öffentlichen Raums als Ort der Teilhabe oder Überwachung ins Wanken bringen.
An den Wänden sind Beiträge aus dem Archiv architektonischer Entwürfe für eine farbenfrohe Stadt zu sehen, Vorschläge, um Zürich heller zu gestalten. Archiv- und Architekturüberreste der ETH Zürich werden im Ausstellungsraum als physische Begegnungen weiter gegenübergestellt, wie beispielsweise eine Emaille-Arbeit in einem Bahnhof oder grossformatige Fragmente der Arbeit der Designerin Charlotte Schmid (eine der wenigen Frauen, die in den zwei Jahrhunderten umfassenden Archiven vertreten sind) für ein öffentliches Schwimmbad, für das sie massive Blumen aus Polyesterharz schuf. Eine begleitende Ausstellungsbroschüre ergänzt diese Fallstudien. Im Dialog mit Sambas The National Expo stellt sich nun die Frage: Sind diese Archivpaarungen Ausdruck des architektonischen Wertes oder des Verlustes?
Im Hinblick auf Positionalität und Zuschauerschaft wird die Schweiz oft als eine permanente Beobachterin wahrgenommen; neutral. Eine besonders homogene Neigung zur Kultur wird auf ein Prinzip der Schweizer Aussenpolitik projiziert, das Unabhängigkeit garantiert, die Unverletzlichkeit ihres Territoriums sichert – und umgekehrt. Ist dies ein Argument oder eine Haltung? Samba’s The National Expo schärft dieses Gefühl und macht es diffus, indem es die Sichtweise auf die USA kontrastiert, die, im Gegensatz zur Schweiz, als alles andere denn als neutral wahrgenommen wird (und sich auch so verhält). % for Art: Regulating Civic Space in Zurich, Coumba Samba: The National Expo ist ein Dokument urbaner Transformation und ein Austausch von Provokationen und Antagonismen, der darin eingreift, wie wir Wert definieren, sei er materiell oder ideologisch.
Text von Angelique Rosales Salgado
Coumba Samba (geb. 2000, New York, USA). Ausgewählte Einzelausstellungen umfassen deutschland, Kunstverein in Hamburg, Hamburg, DE (2025); Red Gas, Arcadia Missa, London, UK (2024); Capital, Cell Project Space, London, UK (2024); sowie Couture, Galerina, London, UK (2023). Jüngste Gruppenausstellungen beinhalten Undermining the Immediacy, MMK, Frankfurt, DE (2025); ZONE, Reena Spaulings, New York, USA (2024); A Crooked World, Drei, Köln, DE (2023); Slow Dance (3), Stadtgalerie, Bern, CH (2023); Ways of Living 3.0, Arcadia Missa, London, UK (2023); Hello, Galerina, London, UK (2022).
Angelique Rosales Salgado (Ciudad de México, Mexiko) ist Kuratorin und Autorin mit Sitz in New York City. Die kuratorische, forschende und kreative Praxis von Angelique ist in Queer Studies verankert und konzentriert sich auf Performance, experimentellen Tanz, kollektive Arbeit und zeitbasierte Medien. Derzeit arbeitet Angelique als Assistant Curator bei The Kitchen und hatte zuvor kuratorische Positionen bei Pioneer Works, dem Museum of Modern Art und dem Studio Museum in Harlem inne.
Ausgewählte Projekte umfassen PROTECT THE PEACE: we, INSURGENT (2024, The Kitchen), JJJJJerome Ellis: Aster of Ceremonies (2024, The Kitchen), Code Switch: Distributing Blackness, Reprogramming Internet Art (2024–2025, The Kitchen, in Zusammenarbeit mit dem Schomburg Center for Research in Black Culture und dem Museum of Contemporary Art Detroit), Harmony Holiday: BLACK BACKSTAGE (2024, The Kitchen), NIC Kay: The last gasp of the angry yt man (2024, Dia Chelsea), Los Cybrids: La Raza Techno-Crítica (2024, The Kitchen, Video Viewing Room), Matthew Lutz-Kinoy: Filling Station (2023, The Kitchen, Dia:Beacon), Leslie Cuyjet: With Marion (2023, The Kitchen), Christelle Oyiri: OBLIMEMBER (2023, The Kitchen, Video Viewing Room).
Die Ausstellung wird von André Bideau, Fredi Fischli und Niels Olsen kuratiert.
Eine Zusammenarbeit des Master of Advanced Studies (MAS) in Geschichte und Theorie der Architektur, des gta Archivs und gta Ausstellungen, ETH Zürich.
Mit Beiträgen der MAS-Studierenden der Jahrgänge 2024 und 2025: Elias Baumgarten, Marlon Brownsword, Yannick Charpié, Alica Clemens, Fabian Diem, Tuba Edis, Patrick Goldinger, Bernhard Geiger, Tobias Güller, Franz Handrik, Marion Häni Schnarrenberger, Jean-Marc Hensch, Verena Jehle, Martin Klinger, Manuela König, Bernard Kümmerli, Joanna Lewanska, Henriette Lutz, Marie Lutz, Romana Martic, Rahel Mor, Peter Näf, Yosuke Nakamoto, Ariana Pradal, Corine Räz, Anette Schick, Nora Tahiraj, Gani Turunc.
Diese Ausstellung konnte dank dem Artist-in-Residence-Programm realisiert werden, das durch die grosszügige Unterstützung der Thomas und Doris Ammann Stiftung ermöglicht wurde.
Kuratorische Assistenz: Mina Hava
Produktion: Melinda Bieri und Ivana Milenković mit Flora Bühlmann, Ben Frei, Ella Mathys, Lauro Nächt, Till Kadler, Margaux Koch Goei, Lucas Lenzin, Julian Volken, Vitus Michel, Eva Tschopp und Philipp Stäheli
Malerarbeiten: Arsim Aliu & Team
Grafik: Teo Schifferli, Vivien Pöhls, Pascal Kaegi
[i] „Oh Gott, ist das nicht ein weiterer Grundsatz? Polyurethanharz, und ich bin auf dem Weg, gegen das Gesetz zu kämpfen, wegen dem, was sie der Freizeit angetan haben.“ Zitiert in Benjamin Krusling, Glaring (New York: Wendy’s Subway, 2020), S. 98.
[ii] Eunsong Kim, The Politics of Collecting: Race and the Aestheticization of Property (Durham: Duke University Press, 2024), 9.