Women Writing Architecture 1700-1900
Mittwoch, 4. März bis Freitag, 8. Mai 2026
HIL D 50.5 Foyer, ETH Zürich, Hönggerberg
Eröffnung: Dienstag, 3. März 2026, 18:00–20:00 Uhr
18:00 Uhr: Begrüssung durch gta Ausstellungen, gefolgt von einer Einführung von Anne Hultzsch
Buchpräsentation mit Podiumsdiskussion: Donnerstag, 7. Mai 2026 (Zeit wird noch bekannt gegeben)
Durch einen Wald aus Postkarten neben einem überdimensionierten Bücherregal sowie historischen Büchern und Objekten präsentiert diese Ausstellung die Ergebnisse eines fünfjährigen Forschungsprojekts, das vom Europäischen Forschungsrat an der ETH Zürich finanziert wurde. Women Writing Architecture 1700-1900 (kurz WoWA) untersucht, wie Autorinnen im 18. und 19. Jahrhundert durch ihre Schriften zur Architektur beigetragen haben. Das Projekt beginnt mit der Hypothese, dass Schreiben eine räumliche Praxis ist und somit einen der Prozesse darstellt, die die Architektur sowohl als Diskurs als auch als bauliche Manifestation – geschaffen, erlebt, genutzt, und kritisiert – ausmachen.
Women Writing Architecture 1700-1900 verzichtet bewusst auf eine grammatikalische Präposition zwischen ‘Frauen schreiben’ und ‘Architektur’. Anstatt ‘über’, ‘von’ oder ‘zu’ Architektur zu verwenden und damit Autorinnen ausserhalb der Architektur zu positionieren, betonen wir, dass die gebaute Umwelt auch durch das Schreiben sinnstiftend konstruiert wird: Frauen (und andere) schreiben Architektur. In einer Zeit, in der sie in der Architekturgeschichte in Machtpositionen weitgehend unsichtbar sind, haben Frauen so tatsächlich Einfluss auf die gebaute Umwelt genommen. Mit Schwerpunkt auf dem deutsch- und englischsprachigen Europa sowie dem südlichen Südamerika haben die WoWA-Mitglieder Anne Hultzsch, Sol Pérez Martínez und Elena Rieger räumliche Praktiken in einer Vielzahl von Textgattungen untersucht. Reiseliteratur spielte eine grosse Rolle, da sie notwendigerweise mit Ort und Raum verbunden ist und im 18. Jahrhundert eines der ersten Genres war, in denen europäische Frauen wirklich erfolgreich waren – wobei deren Schreiben mit der vermeintlich weiblichen Empfindsamkeit verbunden wurde. Frauen begannen, als Journalistinnen zu arbeiten und sich ihren Anteil im boomenden Markt für Essay-Zeitschriften zu sichern, sowohl als Autorinnen als auch als Leserinnen. Auch didaktische Schriften erschienen in zunehmender Zahl, und so haben wir Architektur in den Texten von Kochbüchern, Benimmhandbüchern, oder Anleitungen zur Gartenarbeit und Hauswirtschaft gefunden. Die Poesie als Form der Stadtchronik (und des Aktivismus) wurde ebenso relevant wie Bekenntnis- und mystische Schriften von Nonnen.
Jede Postkarte stellt eine Autorin vor mit einem Bild, einem Zitat und einem kurzen Text, der Leben und Wirken erläutert. Postkarten präsentieren Beschreibungen von Gebäuden, Städten und Landschaften, Anweisungen zur räumlichen Organisation und Bewegung, Kartierungen kolonialer Landnahme und Othering, Rezepte für architektonische Kuchen, Stilgeschichten, Bauanleitungen, politische Pamphlete über Frauenrechte und Landbesitz, Designkritik, Stadtberichterstattung, mystische Beschwörungen, Theorien der Ästhetik, technische Berichte und vieles mehr. Die Autorinnen stammen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen: Sie schreiben auf Englisch, Spanisch und Deutsch und repräsentieren eine Vielzahl von sozialen Schichten, Religionen und ethnischen oder nationalen Zugehörigkeiten. Wir untersuchen das Potenzial ihrer Arbeit für die Architekturgeschichte und fragen: Was würde ohne sie fehlen? Und was wäre, wenn wir sie schon immer in unsere Forschung einbezogen hätten? Was wäre, wenn diese Texte und ihre Autorinnen bereits früher als relevant für Architekturpraxis und -geschichte gelesen worden wären? Wie würden dann unser Kanon, unser gemeinsames Wissensgerüst, unser kollektives Raumverständnis aussehen? Was wäre, wenn skizziert mögliche Geschichte und reflektiert darüber, was eine gleichberechtigtere und vielfältigere, weniger vorurteilsbehaftete Rezeption und Geschichtsschreibung hätte bewirken können. Was wäre, wenn half uns auch dabei, bestimmte Positionen der Handlungsfähigkeit zu identifizieren, die von den Frauen, über die wir lesen, beansprucht wurden: Kritikerin, Historikerin, Designerin, Pädagogin, Theoretikerin, Vermesserin und Mäzenin. Diese sind auf jeder Postkarte vermerkt und wurden bewusst gewählt, um mit den in der Architekturgeschichte verwendeten Praktiken zu korrespondieren. Die Postkarten dienen als Projektdatenbank (strukturiert, verfügbar als durchsuchbares PDF und mit einer Online-Bibliografie verknüpft) und werden durch ihre gedruckte Form zu einem zentralen Instrument des Projektes. Sie verkörpern unser Ziel, die Beiträge der von uns untersuchten Autorinnen sichtbar zu machen. Postkarten revolutionierten das Postwesen im 19. Jahrhundert durch ihre Kombination von Bild und kurzer Botschaft, und werden seitdem verwendet, um architektonische Motive zu verbreiten. Indem wir Zitate zusammen mit unseren Anmerkungen versenden, nutzen wir die Postkarte als Werkzeug der Kommunikation und Wissensvermittlung. Besucher*innen werden zu Adressaten: Wir laden ein, eine Postkarte mit nach Hause zu nehmen und sich zu fragen: Was hatte sie zu sagen? Was geschieht, wenn wir ihr zuhören? Und: Wen haben wir noch übersehen?
Das überdimensionierte Bücherregal kehrt Bücher von innen nach aussen: Grosse Pappmodelle von Büchern zeigen die vergrösserten Buchseiten, ursprünglich gedruckt und aufgehängt an den Wänden unserer Workshopräume in Zürich, Rengo (Chile) und Montreal. Mithilfe des für dieses Projekt entwickelten Reading-with-Guides lasen wir als Kollektiv, um zu verstehen, wie diese Texte von Frauen Zeugnisse für die Vergangenheit der Architektur sind. Mit Gruppen von Expert*innen – von Studierenden bis zu Professor*innen – diskutierten und kommentierten wir, spekulierten und hinterfragten, lachten und reflektierten, lernten und verlernten. Post-its und Highlighter-Markierungen zeugen von der Verlangsamung, die uns half, neu und anders zu lesen. Besucher*innen sind eingeladen, Seiten in Form einzelner Bücher herauszuziehen und sie im Lesefenster zu studieren.
Die in Vitrinen ausgestellten Dokumente, Bücher und Zeitschriften sowie historische Illustrationen und Objekte verdeutlichen, dass Frauen schon immer als aktive Akteurinnen der gebauten Umwelt präsent waren. Sie bieten einen Einblick in die Menge der Druckerzeugnisse, die Frauen in dieser Zeit hervorgebracht haben. Ihre Bücher, Zeitschriften und Broschüren, die heute in Antiquariaten und auf Online-Marktplätzen oft günstig zu erwerben sind, erzählen nicht nur von den Autorinnen, sondern auch von den Leser*innen, die ihre Worte gelesen haben und so die raumschaffende Wirkung des Schreibens widerspiegeln. Sie zeigen uns, dass Schriftstellerinnen ein Publikum gefunden haben – das abgegriffene Fragment eines englischen Kochbuchs aus dem 18. Jahrhundert mit Flecken von wer weiss welchen Lebensmitteln oder die Liste der Abonnentinnen einer deutschen Frauenzeitschrift sprechen für sich. Diese Frauen schrieben Architektur, hatten eine Stimme in der Öffentlichkeit, sie wurden gehört. Über den historischen Rahmen hinaus, regt die Ausstellung auch zum Nachdenken über Architektur als eine Praxis des Schreibens in der heutigen Zeit an: Architekt*innen, Historiker*innen, Theoretiker*innen, Journalist*innen, Kritiker*innen, Kurator*innen, Denkmalschützer*innen, Entwickler*innen, Archivar*innen … – wir alle schreiben. Wir gestalten und schaffen Raum durch Worte. Geben wir also unserem Schreiben Raum – genau wie denjenigen, die uns den Weg geebnet haben.
Die Ausstellung begleitet das neuerschienene Buch Women Writing Architecture 1700-1900: Expanding Histories, herausgegeben von Anne Hultzsch and Sol Pérez Martínez (gta Verlag, 2025).
Kuratiert von Anne Hultzsch in Zusammenarbeit mit Elena Rieger und Sol Pérez Martínez. Graphic design, Recherche und Ausstellungsaufbau mit Rémi Madrona and Audrey Man. Für dieses Projekt wurden Fördermittel des Europäischen Forschungsrats (ERC) im Rahmen des Programms der Europäischen Union für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ bereitgestellt (Finanzhilfevereinbarung Nr. 949525).
https://wowa.arch.ethz.ch
https://hultzsch.arch.ethz.ch/
Die Realisierung der Ausstellung wurde durch das Team von gta Ausstellungen ermöglicht: Flora Bühlmann, Jakob Draz, Mina Hava, Till Kadler, Margaux Koch Goei, Lucas Lenzin, Ella Mathys, Ivana Milenković, Sabine Sarwa, Philipp Stäheli und Julian Volken.